Dünkirchen: Wie gestaltet man den ökologischen Wandel in einer Region, die durch ihr industrielles Erbe und ihre Hafenanlagen geprägt ist?

Interview mit Martine Monborren, Geschäftsführerin von Euraénergie

In Dünkirchen spielt die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren eine entscheidende Rolle: Um die Region für die Zukunft fit zu machen, hat der Kommunalverband Dünkirchen erfolgreich die Industrie sowie zahlreiche andere Akteur:innen aus dem öffentlichen und privaten, dem akademischen und dem gemeinnützigen Bereich – und nicht zuletzt die Bewohner:innen der Region – zusammengebracht. Das Zukunftswerk, das während des ersten Arbeitszyklus mit dem Projekt „Dunkerque, Energie Créative“ zusammenarbeitete, sprach mit Martine Monborren, der Geschäftsführerin von Euraénergie.

Deutsch-Französisches Zukunftswerk: Sie sind Geschäftsführerin von Euraénergie, der Organisation, die mit der Umsetzung des Projekts zum industriellen Wandel in Dünkirchen betraut ist. Was war Ihr bisheriger Werdegang und welche Beziehung haben Sie zu Dünkirchen?

Martine Monborren: Ich stamme aus Dünkirchen und arbeite nach meiner Universitätslaufbahn in Chemie-Physik-Umwelt nun seit über 20 Jahren im
öffentlichen Dienst für meine Region. Der rote Faden meiner Karriere war die nachhaltige Entwicklung sowie der ökologische und energetische Wandel: von der Beratung der Nutzer:innen zur Verwaltung der Vergabe öffentlicher Dienstleistungsaufträge für Energie, über die Europäische Konferenz zur Energiewende bis hin zur Entwicklung von Wärmenetzen. Und heute habe ich die Leitung des Projekts „Dunkerque, l’Énergie Créative“ („Dünkirchen, kreative Energie“) inne.

Deutsch-Französisches Zukunftswerk: Die Geschichte Dünkirchens ist stark mit seinem Hafen und der Industrie verbunden. Wie arbeiten der Kommunalverband Dünkirchen und die Industrie zusammen, um den ökologischen Wandel der Region zu beschleunigen? Welche Rolle spielt Euraénergie?

Martine Monborren: Schon sehr früh musste sich die Region um Dünkirchen mit dem Umbau seiner Industrie auseinandersetzen. Aufgrund der Sorge um den Erhalt von Arbeitsplätzen und die Reduktion des ökologischen Fußabdrucks der Industrie in der Region praktiziert man seit fast 60 Jahren die sogenannte industrielle Ökologie. Sowohl bei der Industrie als auch beim Kommunalverband Dünkirchen (CUD) war schnell ein Interesse an einer gemeinsamen Vision spürbar. Euraénergie spielt die für die Umsetzung dieser Vision notwendige Rolle der Moderation von öffentlich-privaten Führungsstrukturen. Wir wollen eine öffentliche Politik als Ergebnis aus der Fähigkeit, sich mit der Vielzahl der in der Region vertretenen Akteur:innen (öffentliche Akteur:innen, Industrie, Akademiker, Verbände) auszutauschen.

Deutsch-Französisches Zukunftswerk: Eines der Ziele des Projekts „Dunkerque, l’Énergie Créative“ ist es, die Lebensqualität der Bewohner:innen der Region zu verbessern, zum Beispiel die Luftqualität. Wie wird dies konkret umgesetzt?

Martine Monborren: Die Verbesserung der Luftqualität ist einer der vier strategischen Schwerpunkte des Projekts. Wir kooperieren mit der akademischen Welt: mit der Université du Littoral Côte d’Opale (ULCO) und deren Forschungslabors für industrielle Umwelt. Konkrete Projekte, wie die Einrichtung eines lokalen Gesundheitsobservatoriums, werden von der Universität ULCO, privaten Akteur:innen wie Suez oder dem Verein Espace Santé du Littoral getragen. Unser Ziel sind neue Projekte bezüglich der Herausforderungen für die Gemeinden und zur Verbesserung der Lebensqualität. Im Rahmen des territorialen Dialogs des Projekts „Dunkerque, l’Énergie Créative“ wird übrigens ein Barometer für die Lebensqualität geschaffen. Ein von der Caisse des Dépôts et Consignations eingestelltes und kofinanziertes Projektteam wird sich mit diesem Barometer befassen.

Deutsch-Französisches Zukunftswerk: Wie gelingt dem Kommunalverband Dünkirchen die Einbindung der Bürger:innen in den Umbauprozess?

Martine Monborren: Der Kommunalverband Dünkirchen hat ein Programm namens Öko-Gewinner ins Leben gerufen. Dieses Programm will jedem Einzelnen mehr Kaufkraft bieten und gleichzeitig unsere Umwelt besser schützen. Das Programm sieht „Win-Win“-Strategien aus ökonomischer und ökologischer Sicht in Bereichen wie Wohnen, Müllabfuhr, Verkehr oder Wasserverbrauch vor. Unter dem Namen „Das Leben gemeinsamverändern“ wurde im Jahr 2021 eine  digitale Plattform für Austausch und Abstimmung mit den Bürger:innen aufgesetzt. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie, die unser Leben verändert hat, hat der Kommunalverband Dünkirchen die 200.000 Einwohner des Ballungsraums zu einem neuen Ansatz für lokale Demokratie zur direkten Meinungsäußerung über unsere Welt von morgen geladen. Anfang des Jahres wurden in den Gemeinden Mini-Umfragen durchgeführt; ein Umfrageinstitut hat eine exklusive Recherche durchgeführt. Diese Umfrage ermittelte drei für die befragten Bewohner:innen wichtige Themen – Beschäftigung, Gesundheit und Umwelt – sowie eine Zielgruppe, die in ihren Augen bei den Aktionen Vorrang hat: die Jugend. Um auf die vorrangigen Sorgen der Bewohner:innen einzugehen, veranstaltet der Kommunalverband das Umwelt-Forum sowie die Jugendtage. Darüber hinaus wird es Bürgerbeteiligungen zu bestimmten öffentlichen Politikansätzen im Zusammenhang mit Gestaltungsprojekten, Fußgängerzonen bzw. Fahrradprojekten geben.

Deutsch-Französisches Zukunftswerk: Der erste Resonanzraum des Zukunftswerks fand im November 2021 in Dünkirchen statt. Was sind Ihre Eindrücke und Reaktionen?

Martine Monborren: Ich bin stolz, dass meine Region als Gastgeber für die Veranstaltung ausgewählt wurde, aber auch auf das Interesse an den Aktionen sowie den politischen Maßnahmen in Dünkirchen. Wir hatten die Chance, unsere Ziele und Aktionen zu formulieren und das Interesse an unserem Ballungsraum zu erkennen. Für mich persönlich war es interessant, die Befindlichkeiten anderer Regionen zu sehen, mit denen das Deutsch-Französische Zukunftswerk zusammenarbeitet, und mehr über die Sorgen nicht industriell geprägter Regionen zu lernen, denen es aber gelingt, stets den Bewohner:innen in den Mittelpunkt der öffentlichen Politik zu stellen.

Vielen Dank für Ihre Zeit und viel Erfolg weiterhin mit dem Projekt!

Foto Gemeindeverbund Dünkirchen
Foto Gemeindeverbund Dünkirchen
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Foto Jean Louis Burnod
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