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Wie kann Marburg bis 2030 klimaneutral werden?

État / Zustand
Marburg | Dominik Werner im Gespräch
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Interview mit Dominik Werner
Légende
Dominik Werner, Mitglied des „kollektiv von morgen e.V.“ I Foto: Lauren McKown
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Bis 2030 will Marburg CO2-neutral werden. Wir haben uns mit Dominik Werner, Aktivist des „Kollektiv von Morgen“ und Lokalkoordinator des Deutsch-Französischen Zukunftswerks vor Ort, über das ehrgeizige Ziel seiner Stadt ausgetauscht.
Date de publication / Veröffentlichungsdatum
Oktober 2021
Contenu / Inhalt
Texte / Text

Interview geführt von Daniela Heimpel und Anne-Gaëlle Javelle
 

Dominik, Marburg hat sich das Ziel der Klimaneutralität gesetzt. Was genau bedeutet das? Die Begriffe sind nicht immer klar, manchmal spricht man auch von Treibhausgasneutralität…

Das ist eine gute Frage! Im Jahr 2020 hat die Stadt Marburg den Klimaaktionsplan verabschiedet, der vorsieht, bis 2030 klimaneutral zu sein. Darin steht: „Klimaneutralität bedeutet, dass die Menge an vorhandenen Treibhausgasen in der Atmosphäre nicht mehr steigt. In der ganzen Stadt wird nur noch so viel Treibhausgas ausgestoßen, wie die Natur wieder aufnehmen kann. Werden zusätzliche Gase ausgestoßen, müssen sie an anderer Stelle wieder eingespart werden.“
Klimaneutralität ist aber eigentlich nicht das Gleiche wie Treibhausgasneutralität, dafür müssten noch viele weitere Faktoren berücksichtigt werden. Und der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung empfiehlt in einem aktuellen Policy Paper sogar noch über Klimaneutralität hinaus zu gehen und Strategien zu entwickeln, die klimapositiv wirken. Was in Marburg und an anderen Orten auch noch diskutiert wird, ist die Frage nach der geeigneten Bilanzierung von Treibhausgasen in Kommunen. Es ist nicht so leicht, da den Überblick zu behalten und eine klare Definition zu formulieren.

Das Ziel der Klimaneutralität aber ist eine Initiative der Marburger Stadtverwaltung?

Eigentlich kommt diese Zielsetzung „von der Straße“. 2019 hat die Fridays for Future-Bewegung in Marburg enormen Zuspruch erfahren, immer wieder haben Tausende Menschen an Klimastreiks teilgenommen. Die Marburger Abgeordneten folgten den Forderungen der Klimabewegung und riefen im Juni 2019 den Klimanotstand aus. In diesem Beschluss wurde schon das Ziel formuliert, dass Marburg bis 2030 klimaneutral sein soll und dafür mit Bürgerbeteiligung ein Klimaaktionsplan entwickelt werden soll. Die Klimaktivist:innen setzten ihre Mobilisierung weiterhin fort und mit vielen Bürger:innen wurden in zwei Beteiligungsworkshops Hunderte Ideen für diesen Aktionsplan formuliert. Die Abteilung für Klimaschutz in der Marburger Stadtverwaltung hat dann letztes Jahr den Klimaaktionsplan 2030 entworfen und wurde seitdem auch mit weiteren Stellen ausgebaut.

Témoignage / Text
„Klimaneutralität ist nicht das Gleiche wie Treibhausgasneutralität, dafür müssten noch viele weitere Faktoren berücksichtigt werden.“
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Hältst Du das Ziel für realistisch?

Natürlich ist schon die Klimaneutralität ein ambitioniertes Ziel. Dass es nicht einfach zu erreichen ist, ist uns allen bewusst. Trotzdem haben sich die Politik und die organisierte Zivilgesellschaft in Marburg – mit Unterstützung eines beträchtlichen Anteils der Wähler:innen, wie man bei den Kommunalwahlen im vergangenen März gesehen hat – darauf geeinigt, dass wir unsere Stadt im Sinne des Klimaschutzes grundlegend verändern müssen, und zwar schnell. Und zweitens haben wir erkannt, dass wir dafür zusammenarbeiten müssen, um dieses Ziel zu erreichen: die Behörden, die Wirtschaft, Wissenschaftler:innen, Bildungsträger, die Zivilgesellschaft, Bürger:innen. Die Weiterentwicklung und Umsetzung des Klimaaktionsplans setzen voraus, dass wir neue Formen der Zusammenarbeit entwickeln und voneinander lernen – dessen sind wir uns zunehmend bewusst. Wir versuchen in Marburg wahrscheinlich schon das Unmögliche möglich zu machen…

Bei einer so starken Unterstützung des Klimaneutralitätsziels dürfte der Klimaaktionsplan schon weit fortgeschritten sein?

Leider nicht in dem Maße, wie sich die Klimabewegung das im Jahr 2019 vorgestellt hat! Es gibt zwar eine Mehrheit, die sieht, dass es dringend notwendig ist, klimaneutral zu werden und dass wir eng zusammenarbeiten müssen, damit das auch der Fall ist. Aber wir suchen noch nach einem geeigneten Weg, um diese Ziele zu erreichen. Bislang fehlen die nötigen Strukturen, um diesen Prozess kollaborativ fortzusetzen und zu steuern („collaborative governance“), also durch die Stadtverwaltung, die Zivilgesellschaft und weitere Akteure aus der Stadtgesellschaft. Außerdem muss die Aufgabe des Klimaschutzes noch breiter in die Verantwortung der verschiedenen Fachdienste in der Stadtverwaltung verteilt werden. Klimaschutz muss als Querschnittsaufgabe von allen aktiv verfolgt werden. Was die Zusammenarbeit mit anderen Akteur:innen in der Stadtgesellschaft betrifft, funktioniert die informelle Kommunikation oft relativ gut. Trotzdem gibt es bislang nur wenige institutionalisierte Formate, um mit der Universität Marburg oder auch wirtschaftlichen Akteuren zum Klimaschutz zusammenzuarbeiten. Die Stadt erwartet, dass die Zivilgesellschaft und die Bürger:innen zu den Klimaschutzmaßnahmen beitragen und sich selbst dafür engagieren; die organisierte Zivilgesellschaft hingegen erwartet, dass die Stadtverwaltung sie wie einen echten Partner behandelt. Da gab es bisher auch einige Frustrationen…

Welche Rolle spielst Du bei all dem?

Ich bin in zweierlei Hinsicht involviert, als Mitglied des Vereins „kollektiv von morgen e. V.“ und als lokaler Koordinator im Deutsch-Französischen Zukunftswerk. Nach meinem Studium in Marburg habe ich bundesweit als freier Moderator, Trainer, Berater für viele verschiedene Organisationen gearbeitet. Mit langjährigen Freund:innen haben wir dann 2019 gemeinsam den Verein kollektiv von morgen e.V. gegründet. Wir wollen unsere Fähigkeiten und Wissen hier der Region Marburg für eine sozialökologische Transformation und „Kultur der Nachhaltigkeit“ einbringen. Wir haben dafür die Trägerschaft eines regionalen Netzwerk für nachhaltige Bildung übernommen, haben eigene Bildungsangebote und sind in der Konzeption und Moderation von innovativen Beteiligungsformaten aktiv. Und so waren wir im Herbst 2019 nach dem Klimanotstandsbeschluss in Marburg auch direkt in die Vorbereitung und Moderation von zwei Beteiligungsworkshops involviert, um mit den Bürger:innen Ideen für ein klimaneutrales Marburg zu entwickeln. Neben meinen Tätigkeiten beim kollektiv von morgen bin ich seit Ende 2020 auch als lokaler Koordinator für das Zukunftswerk tätig, d. h. ich übernehme die Arbeit vor Ort in Marburg. Ich beobachte, was in Marburg passiert, knüpfe Kontakte und spreche mit verschiedenen lokalen Akteur:innen, um die Arbeit des Zukunftswerks zu unterstützen.

Témoignage / Text
„Viele Städte in Deutschland und Frankreich haben sich das Ziel der Klimaneutralität gesetzt und haben relativ ähnliche Handlungsfelder wie wir in Marburg. Indem wir uns genauer ansehen, wie sich andere organisieren, finden wir Inspiration, um unsere Herausforderungen zu meistern.“
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Du scheinst in Marburg sehr verwurzelt zu sein, was verbindet Dich mit der Stadt?

Als ich 2003 für mein Studium nach Marburg gekommen bin, dachte ich nicht im Traum daran, länger als ein paar Semester zu bleiben. Aber das Studienprogramm zu “Bildung für nachhaltige Entwicklung” und Friedens- und Konfliktforschung haben mich dann erstmal hier gehalten. Am Ende meines Studium ist meine Tochter geboren und ich habe mich hier einfach wohl gefühlt, eingebettet in ein weites Netzwerk von spannenden Initiativen und Projekten. Ich mag die Stadt in ihrer Überschaubarkeit und gleichzeitigen Vielfalt. Marburg ist für mich wie ein großer Stadtrand – von allen Stellen der Stadt sind die umgebenden Wälder gut sichtbar.

Welche Rolle spielt das Deutsch-französische bei Deinem Engagement für den Klimaschutz? Oder besser, wie kann ein deutsch-französischer Dialog dazu beitragen, dass Marburg sein Ziel erreicht und bis 2030 klimaneutral wird?

Als Inspirationsquelle! Viele Städte in Deutschland und Frankreich haben sich das Ziel der Klimaneutralität gesetzt und haben relativ ähnliche Handlungsfelder wie wir in Marburg. Indem wir uns genauer ansehen, wie sich andere organisieren, finden wir Inspiration, um unsere Herausforderungen zu meistern. Dadurch können wir voneinander lernen. Marburg hat zum Beispiel an zwei Dialogen mit La Rochelle teilgenommen. Dieser Austausch war sehr aufschlussreich: In deren Fall haben der Ballungsraum La Rochelle den Aktionsplan gemeinsam mit dem Hafen als wichtigen wirtschaftlichen Akteur, mit einer Unternehmensgemeinschaft, die sich schon mit Umweltfragen beschäftigt, und mit der Universität La Rochelle konzipiert. So wird er auch von ihnen mitgetragen. Durch diesen partnerschaftlichen Ansatz können sie eine viel größere Wirkungskraft entwickeln als es eine Stadt allein könnte. Andere Städte setzen vor allem auf die Arbeit von wissenschaftlichen Instituten, manche setzen auf Klima-Bürgerräte oder Themenwerkstätten, in denen lokale Expert:innen aus Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenarbeiten. Diese verschiedenen Strategien werden nun, angeregt durch den Austausch mit dem Zukunftswerk, in der Stadt Marburg weiter besprochen, um ein hier vor Ort passendes Vorgehen zu entwickeln.

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Zur Person

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Seit 2020 ist Dominik Werner Lokalkoordinator des Zukunftswerks in Marburg. Nach seinem Studium in Marburg arbeitete er deutschlandweit als freiberuflicher Moderator, Trainer und Berater für verschiedene Organisationen. 2019 war er Mitbegründer des „Kollektiv von Morgen“, das sich für den lokalen sozial-ökologischen Wandel einsetzt.