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Mehr Freiräume in der Stadt: Wie kann das gelingen?

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Une prairie colorée de fleurs, à l'arrière-plan se trouve une rangée de maisons. On voit quelques clôtures de chantier.
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Der Herrengarten heute: Aus der Fläche des ehemaligen Einkaufszentrums ist ein innerstädtischer Park geworden. l Foto: Universitätsstadt Siegen
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Autolärm dröhnt durch das Tal, Passant:innen hasten durch die Fußgängerzone, am Bahnhof herrscht Hektik… aber Rückzugsorte zum Entspannen und schattenspendende Bäume fehlen weit und breit. In Siegens Stadtkern gibt es wenig Grünflächen. Das will die Stadt ändern. Dafür kauft sie Privateigentümer:innen Grundstücke ab, um die Flächen zu begrünen – so wie für den Herrengarten, der ab 2024 als öffentlicher Park zugänglich sein wird. Siegen scheint damit ein Einzelgänger zu sein, denn den meisten Kommunen fehlen für ein solches Vorgehen rechtliche und finanzielle Mittel. Wo müssen wir ansetzen, damit sich das ändert? Das Deutsch-Französische Zukunftswerk hat Antworten erarbeitet.
Date de publication / Veröffentlichungsdatum
11.01.2024
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Von Stéphanie-F. Lacombe
Übersetzung ins Französische von Marie Millot-Courtois und Marion Davenas

 

Städtischer Boden ist heißumkämpft

In Deutschland werden täglich rund 55 Hektar, in Frankreich 67 Hektar Boden verbraucht. Dadurch gehen Biodiversität, Ackerböden und Flächen verloren, die für den Hochwasserschutz wichtig wären. Wenn Städte ihre Grenzen ausweiten und am Stadtrand bauen, führt das außerdem zu einer Zersiedelung. Die Betriebskosten der Versorgungsinfrastruktur steigen, Fahrt- und Pendelzeiten erhöhen sich. Um diese Zersiedelung zu vermeiden, hat sich die Europäische Union darauf geeinigt, ihren Flächenverbrauch bis 2050 auf ein Netto-Null zu reduzieren.

Hier sind Städte und Gemeinden gefragt. Sie können den Boden schonen, indem sie innerhalb der bereits bestehenden Bebauung einer Ortschaft „nachverdichten“, das heißt zum Beispiel Etagen aufstocken oder Baulücken füllen. Allerdings sollte nicht jede verfügbare Fläche bebaut werden: Der Erhalt von Freiräumen bleibt ebenfalls wichtig. Diese verbessern unsere Lebensqualität, sorgen für bessere Luft, bieten Tieren einen Unterschlupf, reduzieren im Sommer die innerstädtische Hitze machen und Nachverdichtung an anderer Stelle erträglicher.

Eine Fläche von Bauprojekten frei zu halten und für nicht-kommerzielle Nutzungen zu öffnen, bedeutet aber oft einen Verzicht auf Einnahmen für die Gemeindekasse. Wie können Kommunen trotz Nutzungs- und Vermarktungsdruck Freiräume schaffen und erhalten und gleichzeitig ihren Flächenverbrauch begrenzen?

Diese Frage beschäftigt Deutschland und Frankreich auf ähnliche Weise. Das Deutsch-Französische Zukunftswerk hat sich daher in mehreren gemeinsamen Arbeitssitzungen zu diesem Thema mit rund 20 Personen aus Verwaltungen, Zivilgesellschaft und Wissenschaft aus beiden Ländern ausgetauscht und auf Grundlage lokaler Erfahrungen konkrete Aktionsvorschläge entwickelt.

Ein Raum, viele Funktionen: Mehrfachnutzung als Lösungsansatz

In der Stadtplanung treffen verschiedene Nutzungsinteressen aufeinander, die sich auf den ersten Blick gegenseitig ausschließen. Bei genauerem Hinsehen können scheinbar konkurrierende Ziele jedoch in Einklang gebracht werden. Ein Lösungsansatz ist die Mehrfachnutzung von Flächen.

Diese experimentierte die Metropole Lille im Sommer 2023 mit ihrer Aktion Libre cour, libre jardin (Freier Hof, freier Garten). Das Ziel? Den Bewohner:innen Zugang zu Schulhöfen und Gärten zu ermöglichen, die normalerweise nicht öffentlich zugänglich sind. So bekamen die Bewohner:innen die Möglichkeit, im Schatten großer Bäume zu sitzen, Gemüsegärten, Sport- und Spielplätzen zu nutzen und bei Hitze kühlende Orte zu entdecken.

Der Münchner Grünspitz wiederum wird beispielsweise nicht nur als Park, sondern auch als sozialer und kultureller Treffpunkt mitten in einem dicht bebauten Stadtteil genutzt. Der Verein Green City kümmert sich um den Garten, organisiert Kulturveranstaltungen und die Reinhaltung des Platzes. Das Beispiel zeigt, dass öffentliche Räume häufig aus der Zivilgesellschaft heraus erschlossen oder wiederbelebt werden. Kommunen können dies durch ideelle und finanzielle Unterstützung fördern und verstetigen. Um zu funktionieren, muss diese Zusammenarbeit durch langfristige Förderprogramme unterstützt werden.

Wie intensiv wird eine Fläche vor Ort genutzt? Wie wichtig ist sie für die Bevölkerung? Ohne klare Datengrundlage ist es für Stadtplaner:innen schwierig, die Bedeutung von Freiflächen einzuschätzen. Deshalb sollten Frankreich und Deutschland lokale Potenzialanalysen zum öffentlichen Raum fordern und fördern. Um die Ergebnisse besser einordnen und nutzen zu können, sollten Kommunen zusätzlich von Kompetenzzentren auf Regional- oder Landesebene begleitet und beraten werden.

Bodenpolitische Instrumente zugunsten von Grünflächen

Nicht alle Flächen sind in kommunaler Hand. Städte setzen gezielt Maßnahmen ein, um die Nutzung von Land und Boden zu steuern. Siegen konnte zum Beispiel Dank des Vorkaufsrechts das Grundstück für den Herrengarten erwerben und die Umbauarbeiten mithilfe der Städtebauförderung teilfinanzieren. Auf Landesebene gibt es weitere Grundstücksfonds, die Kommunen beim Grundstückserwerb unterstützen. Oft greifen sie jedoch nur, wenn die Kommune nach dem Erwerb der Fläche dort preisgünstigen Wohnraum schafft. Sie unterstützen damit die soziale Komponente, vernachlässigen jedoch die Schaffung von Grünflächen als Erholungsorte.

Diese bodenpolitischen Instrumente sollten daher angepasst werden, damit Kommunen der Erwerb von finanziell weniger ertragreichen, aber genauso wichtigen Frei- und Grünflächen erleichtert wird. In Frankreich räumt das Gesetz zur Unterstützung lokaler Mandatsträger:innen gegen die Bodenversiegelung (Loi visant à faciliter la mise en œuvre des objectifs de lutte contre l'artificialisation des sols et à renforcer l'accompagnement des élus locaux) Kommunen bereits seit Juli 2023 ein Vorkaufsrecht zum Erhalt bestehender Grünflächen und Potenzialflächen zur Renaturierung ein. Dies könnte eine Inspiration für Deutschland sein.

Politische Handlungsempfehlungen des Zukunftswerks

Das Zukunftswerk widmet sich in seinen aktuellen Handlungsempfehlungen der nachhaltigen Stadtentwicklung. Entdecken Sie hier die Empfehlungen, die sich auf die Schaffung und den Erhalt nachhaltig genutzter Freiflächen beziehen

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Der Herrengarten von 2017 bis heute

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Blick von oben auf ein Gebäude aus den 1960er-Jahren mit der Aufschrift „Herrengarten“.
1_Universitätsstadt Siegen - 2018 - Herrengarten vor Abriss_web DE
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Im Jahr 2018 stand auf dem Grundstück des Herrengartens ein Einkaufszentrum. l Foto: Universitätsstadt Siegen
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Blick auf einen Trümmerhaufen, der durch den Abriss eines Gebäudes entstanden ist.
2_Universitätsstadt Siegen-2021-Herrengarten Abbruch mit Blick zur Sieg_web DE
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2021: Siegen reißt das Einkaufszentrum ab. l Foto: Universitätsstadt Siegen
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Bunte Blumenwiese, im Hintergrund steht eine Häuserreihe. Man sieht einige Bauzäune.
3_SLA_Herrengarten DE
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Der Herrengarten heute: Aus der Fläche des ehemaligen Einkaufszentrums ist ein innerstädtischer Park geworden. l Foto: Universitätsstadt Siegen