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„Stadtgrün hat auch eine große integrative Funktion“

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Berlin | Philipp Sattler im Gespräch
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Philipp Sattler
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Philipp Sattler, Geschäftsführer der Stiftung DIE GRÜNE STADT
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Philipp Sattler will mehr Natur in der Stadt. Als Mitglied des Resonanzraums unterstützt uns der Geschäftsführer der Stiftung DIE GRÜNE STADT bei der Erarbeitung unserer Handlungsempfehlungen. Wir sprachen mit ihm über seine Sicht zum Stadtgrün und welche Erkenntnisse er aus dem ersten Arbeitstreffen des Resonanzraums mitnimmt.
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Herr Sattler, wie haben Sie ihre Leidenschaft für die Begrünung von Städten entdeckt?

Ich hatte schon als Jugendlicher das Gefühl, dass Städte doch sehr steinern sind und es zu wenig Grün gibt. Ich bin in München aufgewachsen. Dort gibt es zwar viel Grün, aber vieles davon ist Privateigentum. Schon mit 13 oder 14 Jahren hat mich interessiert, wie man das öffentliche Grün fördert, das einen Nutzen für alle bringt. Da wollte ich bereits Landschaftsarchitekt werden, ohne genau zu wissen, wie viel eigentlich hinter diesem Beruf steckt.

Sie haben Landschaftsbau an der École nationale supérieure de paysage (ENSP) in Versailles studiert. Welche Rolle spielt Frankreich in Ihrem Leben, vor allem mit Blick auf das Thema Stadtbegrünung?

Ich habe dort einen Erasmus-Austausch gemacht und fand die Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich sehr spannend. Mein Fokus lag auf dem Großraum Paris. Ich habe mich mit den Großsiedlungen und den Beziehungen mit der eigentlichen Kernstadt beschäftigt.

Was ich dort beobachten konnte, ist, dass Dinge sehr viel konsequenter und ‚radikaler‘ (im positiven Sinne) umgesetzt werden. Ich denke gerade an den massiven Wandel von Paris hin zur fahrradfreundlichen Stadt.

Was die Begrünung betrifft, habe ich vor allem den Parc André Citroën auf dem ehemaligen Gelände der Autofabrik in Erinnerung behalten sowie den Parc de la Villette und die Coulée Verte. Als junger diplomierender Landschaftsarchitekt fand ich damals spannend, dass Grünflächen in Frankreich stärker mit einem Gestaltungswillen verbunden sind. Oft sind Parks und Gärten mineralischer: Viele Freiräume sind gar nicht grün, aber dennoch sehr gut nutzbar.

Sie sind Geschäftsführer der Stiftung DIE GRÜNE STADT. Welche positiven Effekte konnten Sie mit Ihrer Arbeit in der Stiftung bereits erreichen?

Wir haben den Fördercheck als ein Beratungsangebot aufgestellt. Er befähigt Kommunen dazu, gebündelt Informationen zu erhalten, um an Förderprogrammen von Ländern, Bund und EU teilzunehmen. Von diesen gibt es nämlich aufgrund der aktuellen Entwicklungen und getrieben von der notwendigen Klimaanpassung durchaus einige. Durch unsere Informationsarbeit motivieren wir die Gemeinden dazu, diese Fördermittel zu beantragen und die Programme dann auch umzusetzen. Wir fördern außerdem den Austausch in unserem Netzwerk, um sich von erfolgreichen lokalen Projekten inspirieren zu lassen. Dazu zählt zum Beispiel das Schul- und Sportzentrum im rheinländischen Zülpich. Die Stadt erhielt 1,85 Millionen Euro Fördermittel über das Programm Zukunft Stadtgrün und hat damit einen multifunktionalen Grünraum für einen ganzen Schulcampus geschaffen.

Manchmal scheint es für die Stadtverwaltungen sehr mühsam, den langen Weg zu gehen. Wir zeigen, dass es sich lohnt: Durch solche Fördermittel entsteht Stadtgrün, das für die Bürger:innen nutzbar ist und die Biodiversität in der Stadt fördert. Stadtgrün hat eine große integrative Funktion: Es entstehen öffentliche Räume, wie Spielplätze oder Parks, wo man sich aufhalten kann, ohne konsumieren zu müssen. Wo die meisten Menschen freundlich miteinander umgehen, wo die Temperaturen angenehmer sind und wo man der Hektik der Stadt entkommen kann. Grünflächen sind entscheidend für Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensqualität.

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„Wir brauchen beim Stadtgrün nicht nur investive sondern auch konsumtive Mittel.“
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Philipp Sattler
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Die Mitglieder des Resonanzraums, zu denen Sie gehören, haben sehr diverse Hintergründe: Sie kommen aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Praxis. Gab es denn Ihrer Meinung nach Lösungsansätze für mehr Grün in der Stadt, bei denen Konsens herrscht?

Absolut! Zum einen gibt es einen verstärkten Bedarf, den Zuwachs von Stadtgrün messbar zu machen. Wir benötigen Geodaten, um zu analysieren, welchen Bestand es gibt und wo wir noch mehr Stadtgrün unterbringen können. Einen zweiten Konsens gibt es bei der Frage nach der langfristigen Pflege von Stadtgrün: Wir müssen uns bewusstmachen, dass Städte extreme Lebensräume darstellen – für Menschen, Tiere und eben auch Pflanzen. Bäume brauchen intensive Pflege, damit sie nicht nach wenigen Jahren wieder eingehen. Diese Pflege ist kostenintensiv und muss bei der Bepflanzung mitgedacht werden. Wir brauchen für das Stadtgrün nicht nur erhöhte Budgets für die Einrichtung, also investive Mittel, sondern auch für die Unterhaltung, also konsumtive Finanzmittel. In diesem Zusammenhang ist mir eine Aussage aus dem Resonanzraum besonders in Erinnerung geblieben: „Es muss gelingen, das Wasser in der Stadt für das Grün wirksam zu machen.“ Wir reden also nicht mehr von grüner Infrastruktur, sondern von blau-grüner Infrastruktur. Eine zweite Aussage fand ich interessant: „Die Stadt braucht auch den Austausch von Luft und die Verbindung nach draußen, zum Beispiel über Landschaftskorridore. Dafür braucht es eine gesamtstädtische Strategie und nicht nur das Denken in Blocks oder Quartieren.“

Für diese Aspekte scheint es bereits brauchbare Lösungsansätze zu geben. Wurden denn auch Hürden diskutiert, für die es bisher noch keine Lösung gibt?

Wir haben die Forderung angesprochen, Stadtgrün zu einer kommunalen Pflichtaufgabe zu machen, genauso wie die Versorgung mit Verkehrswegen oder mit Trinkwasser. Wenn es für Kommunen keine Pflicht ist, besteht immer wieder die Gefahr, dass Budgets gekürzt werden oder in andere Kanäle fließen.

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„Stadtgrün muss eine kommunale Pflichtaufgabe werden.“
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Philipp Sattler
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Wir haben außerdem Hindernisse im Zusammenhang mit dem Thema Mobilität angesprochen. In einer anderen Arbeitsgruppe wurde während des Resonanzraums schnell deutlich, dass Abstellflächen für Fahrzeuge sowie Straßen einfach unheimlich viel Platz besetzen, der potenziell auch Grünfläche sein könnte. Wo ein Auto steht, kann nichts wachsen. Begrünung funktioniert nur mit einem guten Verkehrskonzept, das es den Bürger:innen ermöglicht, auf das Auto zu verzichten.

Welche Perspektive fanden Sie während des Resonanzraums besonders spannend?

Das Baumkonzept aus Lyon war für mich sehr prägnant, denn es ist ein Paradebeispiel für die positive Radikalität, von der ich vorhin sprach. Die Metropolregion Lyon hat sich vorgenommen, bis 2026 300.000 Bäume zu pflanzen und damit ihre städtischen Wälder zu vervielfachen. Ich bin fasziniert von der Entscheidungsfreude und der Selbstverständlichkeit, mit der man sich große Ziele setzt und auch davon erzählt. Für solche Einsichten ist der deutsch-französische Austausch im Resonanzraum einmalig.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

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Zur Person

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Dipl.-Ing. Philipp Sattler ist Geschäftsführer der Stiftung DIE GRÜNE STADT, die sich für die Förderung der kommunalen Grünentwicklung einsetzt. Zudem ist er Geschäftsführer des Initiativbündnisses Historische Gärten im Klimawandel. Nach seiner Landschaftsgärtnerlehre in München hat er Landschaftsarchitektur an der TU Berlin und an der École Nationale Supérieure de Paysage (ENSP) in Versailles studiert. Als selbstständiger Landschaftsarchitekt arbeitete er in Berlin und lehrte als Gastprofessor in Catanzaro und Kassel.

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Begrünungsprogramm in Lyon

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Die Metropolregion Lyon verfolgt ein ambitioniertes Begrünungsprogramm.
Maquette végétalisation Lyon
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Die Metropolregion Lyon verfolgt ein ambitioniertes Begrünungsprogramm.
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Bäume in Lyon
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Die Metropolregion Lyon hat sich vorgenommen, bis 2026 300.000 Bäume zu pflanzen und damit ihre städtischen Wälder zu vervielfachen.
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Begrünung in der Nähe des Bahnhofs Lyon Part-Dieu.
végétalisation quartier Part Dieu Lyon
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Begrünung in der Nähe des Bahnhofs Lyon Part-Dieu.
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Die Fragen stellten Anna Hüncke und Lucie Wack.

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Portrait Anna Hüncke
Anna Hüncke

Anna Hüncke ist seit November 2020 beim Deutsch-Französischen Zukunftswerk des RIFS als wissenschaftliche Mitarbeiterin mit Schwerpunkt auf Feldforschung.

Vor ihrer Tätigkeit für das ZW führte Anna Hüncke qualitative empirische Studien im Hochschulbildungsbereich, in der Entwicklungszusammenarbeit und auf kommunaler Ebene durch Dabei beschäftigte sie sich mit Themen wie Umwelt- und Gesundheitsschutz, nachhaltige Arbeitsbedingungen, Menschenrechte, Krisenresilienz, partizipative Zusammenarbeit und zivilgesellschaftliche Initiativen.

Anna Hüncke hat eine Doktorarbeit in Ethnologie an der Universität Konstanz, Deutschland, eingereicht. Ihr ethnographisches Promotionsprojekt befasste sich mit Migration und Praktiken der Einkommenserzielung an der südafrikanisch-simbabwischen Grenze und setzte sich mit dem Konzept des Menschenhandels auseinander. Sie hat einen Forschungsmaster der Universität Leiden, Niederlande, in African Studies und einen Bachelor of Arts der Universität Passau, Deutschland, in Kulturwirtschaft mit regionalem Schwerpunkt Südostasien.

https://www.rifs-potsdam.de/de/menschen/anna-huencke

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Lucie Wack

Lucie Wack ist seit August 2020 Referentin für Presse und Kommunikation des Deutsch-Französischen Zukunftswerks.

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